Die deutsche Schweinehaltung – ein Einblick

Strukturwandel im Schweinsgalopp

Seit mindestens 60 Jahren durchlebt die Landwirtschaft einen fortdauernden Strukturwandel. So ernährte ein Landwirt in den 1950er Jahren etwa 10 Personen, heutzutage sind es rund 155. Auf der anderen Seite kann ein Rückgang landwirtschaftlicher Berufe um etwa 90 Prozent ebenfalls als hoch beziffert werden. Kurz: Immer weniger Menschen sind in der Lage immer mehr zu ernähren. Hintergrund für diese Entwicklung ist ohne Zweifel der technische Fortschritt und die zunehmende Professionalisierung, also eine effektivere und effizientere Produktion. Gilt dies auch für die Tierhaltung?

Ja, diese Entwicklung ist auch hier spürbar, am Beispiel der Schweinehaltung lässt sich dieser erhebliche Wandel gut nachvollziehen. Schaut man sich die Entwicklung in der Schweinehaltung an, zeigt sich ein deutliches Bild. In den 50er Jahren gab es noch ganze 2,4 Millionen Betriebe mit durchschnittlich fünf Schweinen, also recht beschauliche Verhältnisse. Siebzig Jahre später sieht es schon ganz anders aus. Gerade mal 20.400 Betriebe haben die Entwicklung mitgemacht. Sie halten zusammen 25,4 Millionen Schweine (2020). Das sind 1.244 Schweine pro Betrieb.

Brauchen wir mehr Sch(w)eine?

Zusammen mit der Modernisierung, die körperliche Arbeit erleichtert, Risiken verringert und planbare Prozesse ermöglicht, wurden Nebenwirkungen mitgeliefert. Diese haben ganze Wirtschaftszweige und unser tägliches Leben bereits so allumfassend umgekrempelt, dass wir es längst nicht mehr merken.

Es ist die Notwendigkeit wirtschaftlich zu wirtschaften, die den Unterschied ausmacht, zwischen der Insolvenz und dem wirtschaftlichen Erfolg. Und dieses Prinzip macht vor der Schweinehaltung eben nicht Halt. Gruselig? Vielleicht. Unumkehrbar? Vermutlich. Wünschenswert? Kommt darauf an.

Doch kein Unternehmen kann dauerhaft rote Zahlen schreiben, wenn es überleben will.

Somit bleiben nur diejenigen, die das nicht getan haben: die 20.400 Betriebe. Und dabei haben sie es zu einem überwältigenden Teil als familiengeführte Betriebe geschafft. Bis jetzt zumindest.

Ist der Gipfel erreicht?

Die ökonomischen Zwänge wirken weiterhin, die Entwicklung steht nicht still. Betriebe werden aufgegeben, andere übernehmen und der Bestand an Schweinen pro Betrieb steigt. Wünschen wir uns eine andere Richtung, dann brauchen wir einen realistischen Ansatz, den alle gemeinsam mitgehen. Eine Art Gesellschaftsvertrag?  

Die Entwicklung, die Drogerien, Airlines, Bäckereien und Autohäuser antreibt, klammert die Nutztierhaltung nicht einfach aus. Wir sollten diese enorme Kraft nutzen, um gemeinsam eine Richtung zu finden, um Veränderung und Gewinn zu verbinden.  

Wieviel kostet ein Schweinestall?

Durch den technischen Fortschritt hat sich auch der Stallbau verändert und immer häufiger finden technische Innovationen ihren Weg in die Ställe. Vielfach wird diese Entwicklung kritisch betrachtet, technische Prozesse wirken kühl und nüchtern, eben gesteuert. Die Vorteile moderner Ställe für ihre Bewohner sollten aber nicht vergessen werden!

Entscheiden sich Tierhalter*innen dafür, einen neuen Schweinestall nach aktuellem Stand der Technik zu bauen, muss das gut überlegt werden. Viel Geld wird investiert. Sollen 2.000 Schweine für die Mast in einem neuen Stall Platz finden, werden gut und gerne etwa 1 Millionen Euro allein für das Gebäude einschließlich Spaltenboden und Unterkellerung benötigt (Stand 2019).

Damit sich die Tiere das ganze Jahr über wohl fühlen, muss die Temperatur im Stall stimmen und über das ganze Jahr relativ konstant bleiben, egal ob Sommer, Frühling, Herbst oder Winter. Ohne entsprechende Technik ist dies nicht möglich. Technik kostet! 70.000 Euro für die Lüftung, 24.000 Euro für die Heizung und weitere 13.000 Euro für die Kühlung. Einziehen können die Tiere dann aber immer noch nicht. Die Inneneinrichtung fehlt, sprich die Fütterungsanlage, die Tränke, die Halterungen für Beschäftigungsmaterial und die Wände der einzelnen Abteile. Zusammen mit dem Silo vor der Tür, indem das Futter gelagert wird und die Alarmanlage, kostet das Ganze etwa 160.000 Euro.

Theoretisch könnten in diesem Stall mit dieser Einrichtung die ersten Tiere Quartier beziehen. Doch es müssen noch einmal rund 200.000 Euro investiert werden. Ein Abluftwäscher wird benötigt, der Ammoniak (NH3) sowie den Staub und nicht zuletzt auch den Geruch minimiert. Mit einer modernen Anlage mit Säureeinsatz und Biowäsche kann die Emission von Ammoniak um etwa 85 Prozent reduziert werden. Da der Bundestag die Verordnung zur Reduktion von Luftschadstoffen bereits 2018 auf den Weg gebracht hat, ist die Abluftreinigung das A und O um diese Verringerung auf breiter Basis zu erreichen. Viele Kosten von vielen Dingen, die auf den ersten Blick nicht in Erscheinung treten.

Was schließen wir daraus?

Ein moderner Stall kostet also im Neubau nach aktuellem Stand der Technik mindestens 1,5 Millionen Euro und damit 780 Euro pro Tier. Hinzukommen Kosten für die Genehmigung des Baus.

Solch eine Investition muss natürlich abbezahlt werden, das dauert mindestens 20 Jahre. Einer der Gründe warum Tierhalter*innen in der öffentlichen Diskussion immer wieder betonen, dass sie Planungssicherheit benötigen und neue Auflagen regelmäßig für Unmut sorgen.

Schaut man sich die Kriterien des aktuellen Haltungskompass der Lebensmitteleinzelhändler, das freiwillige Tierwohllabel des Bundesministeriums oder der Initiative Tierwohl an, zeigt sich das bei der kleinsten Erhöhung des Platzbedarfes um 10 Prozent – also 200 Tiere weniger – der Preis pro Tier auf 860 Euro klettert.

Wer bezahlt für tiergerechtere Haltung?

Bei der Umstellung auf eine tiergerechtere Haltung spielen viele Faktoren eine entscheidende Rolle. 

Laut führenden Wissenschaftlern*innen des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung und des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik des BMEL bräuchten wir dafür jedes Jahr 2,9 bis 4,6 Milliarden Euro. Mit dieser Summe könnte die Tierhaltung so umgestaltet werden, dass ein Großteil der Verbraucher*innen und der Produzenten*innen damit einverstanden ist.

Hört sich enorm an, doch zum Vergleich: Die Konsumausgaben allein für Kaffee, Tee und Kakao erreichen bereits 5,5 Milliarden Euro. Von den jährlichen 73,1 Milliarden für die Urlaube der Deutschen ganz zu schweigen.

Immer mehr Schweinebetriebe hören auf – Die Anzahl der gehaltenen Schweine steigt jedoch

Worauf werden Schweine eigentlich gehalten?

In den 1990ern wurden sogenannte Vollspaltenböden auf breiter Basis eingeführt. Rund 99 Prozent der Schweine in Deutschland werden in konventionellen Ställen gehalten. Konventionelle Landwirtschaft umfasst eine ganze Bandbreite an Haltungsformen, dabei lässt sich nicht alles über einen Kamm scheren. Ställe mit Spaltenboden, Ställe mit Stroheinstreu, mit oder ohne Auslauf. Möglichkeiten gibt es viele. Sogar Freilandhaltung ist teilweise noch oder wieder zu finden. Obwohl der Biobereich der Tierhaltung aktuell wieder an Fahrt aufnimmt, handelt es sich dennoch um eine Nische, die nur etwa 0,5 Prozent des Schweinefleischmarktes ausmacht.

Frische Luft für frisches Fleisch

Der wohl schönste Anblick sind Schweine, die nicht nur auf Stroh, sondern auch noch draußen gehalten werden. Eine komplette Freilauf-Tierhaltung auf der grünen Wiese ist eher selten. Hier schiebt die Beachtung der Hygiene und der Seuchenschutz einen Riegel vor.

Ställe, welche den Tieren Auslaufmöglichkeiten nach draußen bieten, sind immer häufiger zu sehen. Die Tiere können die verschiedenen Wettereinflüsse erleben und selbst entscheiden, wo sie sich gerade am wohlsten fühlen. Die Temperatur im Stall wird bei diesem Konzept nicht durch Technik gesteuert, sondern passt sich den Jahreszeiten an. Daher auch der Name – Außenklimastall.

Im Außenklimastall erleben die Schweine die Jahreszeiten mit.

Schweinehaltung an der frischen Luft ist leider nicht überall möglich.

Bei all der Strohidylle bleibt nur ein Harken. Viele freuen sich über die Tiere, die unbeschwert in der Sonne herumtoben können. Doch was das Auge an Tierwohl freut, kann für die Nase zum Problem werden. In modernen Ställen sorgt Technik dafür, dass die Abluft gereinigt wird, also möglichst wenig Geruch und Emissionen nach draußen gelangen. Bei einer Tierhaltung mit Auslauf, wo es keine gezielte Lüftung gibt, geht das nicht. Ebenso müssen die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte der Emissionen eingehalten werden. Daher ist es in vielen Gebieten Deutschlands leider nicht möglich, Schweine an der frischen Luft zu halten.

Mehr Platz, doch klug durchdacht

Die einfachste Möglichkeit für jede*n Landwirt*in den Tieren mehr Tierwohl zu bieten, ist die Erhöhung des Platzangebots. Dafür muss er weniger Schweine einstallen. Durch mehr Platz ist es möglich, dass der Stall anders strukturiert wird. Die Schweine bekommen unterschiedliche Bereiche zum Fressen, Koten, Ruhen und Spielen. Sie können so ihren unterschiedlichen Bedürfnissen ungestört nachgehen.

 

Strohhaltung sieht gut aus, bietet aber nicht nur Vorteile.

Diese Ferkel können Urlaub auf Balkonien machen!

Viele unterschiedliche Anforderungen werden an die Eigenschaften von Stallböden gestellt. Der sogenannte Spaltenboden kommt weltweit zum Einsatz und allein in Deutschland leben etwa 90 Prozent der Schweine auf eben diesem.

 Was verbirgt sich hinter einem Spaltenboden? Die Bodenfläche ist nicht durchgängig betoniert, sondern besteht abwechselnd aus schmalen Spalten und Bodenbalken, die als Auftrittsfläche für die Schweine dienen. Einer der Hauptvorteile liegt ganz einfach darin, dass der Harn und der Kot der Tiere durch die Spalten in das Lager darunter entsorgt wird. Im Grunde sorgen die Schlitze dafür, dass der Boden recht sauber bleibt und die Tiere möglichst wenig mit ihrem Harn und Kot in Berührung kommen. En weiterer Vorteil der unschönen Spaltenböden: Schweine sind sogenannte „Liegendkühler“. Ihre Thermoregulierung findet nicht, wie bei uns Menschen, durch Schweißdrüsen statt. Sie kontrollieren ihre Körpertemperatur ausschließlich durch die Schleimhäute im Nasen- und Rachenraum. Durch ihre subkutane Fettschicht sind sie gut isoliert. Schweine müssen Körperwärme direkt über die Haut ableiten und brauchen daher vor allem kühle Liegeflächen. Vollständig eingestreute Buchten ohne planbefestigten bzw. perforierten Teilbereich können daher in der Schweinehaltung problematisch sein.

Spaltenboden sorgt für Abkühlung und Pediküre bei den Schweinen!

Spalten oder keine Spalten?

Einstreu, in den meisten Fällen Stroh, dient in erster Linie dem Wühltrieb der Schweine. Das Stroh muss allerdings eine einwandfreie Qualität haben und stets frisch nachgestreut werden. Ansonsten können die Tiere auch in dieser optisch schöneren Tierhaltung schnell krank werden. Ein Einstreubereich bietet Platz für das Spielen und Suhlen und dient ebenso als gemütlicher Liegeplatz für die Tiere. Diese Form der Haltung ist allerdings mit einem deutlichen Mehraufwand an Arbeit und Kosten verbunden, da Einstreu beschafft, gelagert, ausgebracht und auch wieder entfernt werden muss. Bei im Schnitt 1.244 Schweinen pro Betrieb in Deutschland ein nicht zu unterschätzender Aufwand.  So vorteilhaft Einstreu für das Wohl des Tieres ist, bringt es einen deutlichen Nachteil mit sich: Die Schadstoffbelastung der Luft durch Ammoniak ist höher.

Derzeit leben etwa sechs Prozent der Schweine auf Einstreu und ein kleiner Teil davon nach biologischen Standards, für die Stroh oft Pflicht ist. Pro Tier werden hier zwischen einem halben und 1,5 Kilogramm Stroh kalkuliert. Diese Art der Haltung bietet den Tieren aber einen Vorteil: Sie können sich beschäftigen – durch knabbern und wühlen.

Doch auch Spaltenboden ist für das Tier besser als sein Ruf: Durch seine Beschaffenheit sorgt er für Abrieb der Klauen und bei hohen Temperaturen bietet er den Tieren Abkühlung. 

Um also die Vorteile des Spaltenbodens und die der Haltung auf Einstreu zu verbinden, kann Stroh oder Heu als zusätzliches Beschäftigungsmaterial in Form von Raufutter angeboten werden.  Aktuell werden zusätzlich neue, innovative Haltungsformen entwickelt und getestet, die Haltung von Schweinen entwickelt sich laufend weiter.

#farbebekennen

In der Tierhaltung werden Systeme entwickelt, die tatsächlich neuartig sind. Doch es dauert, bis sich diese Konzepte auf viele Ställe ausweiten können. Nicht jedes Modell passt in jeden Stall und zu jedem Tierhalter. Individualität ist gefragt, denn jeder Betrieb ist anders. Der Wille zum Wandel ist da, entscheidend ist hier, dass auch die politischen Rahmenbedingungen diesen Willen unterstützen.

Dank des technischen Fortschrittes konnten Arbeitsaufwand und -ablauf vereinfacht und optimiert werden.  Aber nicht nur der Landwirt profitiert. Auch die gehaltenen Tiere haben ihren Nutzen. Egal, ob durch neue Lüftungstechnik oder die individuelle Tierüberwachung via App. Das Umfeld der Tiere wird immer weiter auf ihr Wohl optimiert und angepasst. Es hat sich viel getan und natürlich wird sich auch Zukunft noch einiges tun. Was genau das für die Schweinehaltung heißt, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher. Der tägliche Kontrollgang durch den Stall wird so schnell nicht durch den technischen Fortschritt ersetzt.

Kontaktanschrift:

LAND.SCHAFFT.WERTE . e. V.
Lange Straße 71
49661 Cloppenburg

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